Und die Frage, die niemand zu stellen wagte: Wie viele andere Orte dieser Art gab es? Wie viele Frauen verschwanden spurlos? Die Antwort ist erschreckend. Als die Alliierten diese Gebiete in den Jahren 1944 und 1945 befreiten, wurden Tausende von Nazi-Dokumenten sichergestellt, katalogisiert und archiviert. Doch nicht alles blieb erhalten. Viele Dokumente wurden von den Deutschen selbst vor ihrem Rückzug gezielt vernichtet. Andere verschwanden einfach, gingen im Chaos der Nachkriegszeit verloren. Und manche wurden bewusst zurückgehalten. Denn sie enthielten Wahrheiten, die niemand – weder die Alliierten noch die sowjetischen Behörden oder gar die Deutschen selbst – preisgeben wollte. Zu den verschollenen Dokumenten gehörten die Tagebücher von Ernst Völker. Offiziell wurden sie nie gefunden.
Doch im Jahr 1977, neun Jahre nach der Entdeckung des versiegelten Kellers einer ehemaligen Fabrik, bot ein Münchner Antiquar eine Sammlung historischer Dokumente aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs zum Verkauf an. Darunter befanden sich drei handgeschriebene Hefte mit schwarzen Einbänden, die detaillierte Aufzeichnungen über medizinische Experimente aus den Jahren 1943 und 1944 enthielten. Käufer war der sowjetische Historiker Nikolai Morosow, ein in Moskau tätiger Spezialist für Kriegsverbrechen. Schon nach den ersten Seiten begriff er, dass er ein Dokument von brisanter Natur in den Händen hielt. Die Hefte enthielten akribische Aufzeichnungen,
Daten, Decknamen, Verfahren und Notizen. Völker hielt alles mit klinischer Kälte fest, was die Aufzeichnungen nur noch beunruhigender machte. Versuchsperson: Frau, verstorben nach 28 Minuten. Versuch: Eintauchen in Wasser mit der Temperatur von Chvordi Gyüyse. Dauer: 22 Minuten. Ergebnis: Bewusstlosigkeit nach 18 Minuten. Endtemperatur des Körpers: 30 Minuten. Die Versuchsperson verstarb in der Nacht.
Seite um Seite wiederholten sich unermüdlich dieselben Anmerkungen. Zahlen, Angaben zu Todesfällen – als handelte es sich um Statistiken aus der Agrarforschung und nicht um ein Protokoll von Folterungen. Morozov verbrachte Wochen eingesperrt in seinem Arbeitszimmer und las jede Seite immer wieder aufs Neue. Er suchte nach Ungereimtheiten, doch alles wirkte authentisch. Die Handschrift war gleichmäßig, die medizinische Fachsprache präzise, die anatomischen Details exakt. Auch der Tonfall war frappierend. Völker schrieb nicht wie ein Verbrecher, der seine Taten zu vertuschen versuchte. Er schrieb wie ein Forscher, der ein wissenschaftliches Experiment dokumentierte. Keine Spur von Schuldgefühl, kein Euphemismus, kein Versuch einer moralischen Rechtfertigung – nur Fakten, Beobachtungen und Schlussfolgerungen. Doch am schockierendsten waren nicht die Experimente an sich. Am schockierendsten war die Selbstverständlichkeit, mit der sie beschrieben wurden. Völker zeigte keine Reue. Er benutzte keine beschönigenden Ausdrücke. Er schilderte schlicht die Fakten, wie ein Wissenschaftler, der eine chemische Reaktion beobachtet. Und genau das offenbart etwas Erschreckendes: Für ihn waren diese Frauen keine echten Menschen. Sie waren biologische Materie. Und diese Entmenschlichung entsprang weder Hass noch Sadismus, sondern einer kalten, rationalen, geradezu bürokratischen Logik. Es war das „Banal-Böse“, wie es die Philosophin Hannah Arendt Jahre später in ihrer Arbeit über die NS-Verbrechen beschrieb.