Die Wachen versuchten, sich um jeden Preis zu schützen. Sie entwickelten kleine mentale Rituale: Sie zählten bis in die Tausende, sprachen Gebete oder riefen sich die Gesichter von Kindern ins Gedächtnis, die sie womöglich nie wiedersehen würden. Andere verloren schlicht das Bewusstsein und versanken in einem Zustand emotionaler Erstarrung, der dem Tod nahekam. Doch der Körper vergisst nicht. Selbst wenn der Geist zu fliehen versucht, registriert der Körper jeden Schmerz, jede Demütigung, jeden Übergriff. Und diese Eindrücke verblassen niemals.
Im Juli gelang es einer Gefangenen – einer jungen Frau von etwa 25 Jahren, die nur unter der Nummer 19 geführt wurde –, mit einem verrosteten Nagel eine Botschaft in die Wand ihrer Zelle zu ritzen. Die Botschaft lautete: „Ich heiße Elizawieta Sokołowa. Ich existiere.“
Bei Ausgrabungen in den Ruinen im Jahr 1977 war die Botschaft noch immer vorhanden – von Moos bedeckt, aber lesbar. Sie wurde fotografiert und katalogisiert; heute ist sie Teil einer Dauerausstellung über Kriegsverbrechen in einem Moskauer Museum zu sehen. Jelisaweta war Lehrerin in einem kleinen Dorf bei Smolensk. Sie wurde verhaftet, weil sie sich weigerte, eine jüdische Familie preiszugeben, die sie in einer Höhle – einer Art jüdischem Versteck – verborgen hielt. Sie war 26 Jahre alt. Sie liebte die Gedichte Puschkins und spielte Geige. Sie träumte davon, nach dem Krieg durch Europa zu reisen. Doch dazu kam es nie. Sie starb in jener Zelle, nur drei Tage nachdem sie ihren Namen in die Wand geritzt hatte. Doch dieser Name blieb erhalten – und ist heute alles, was von ihr geblieben ist.
Die „Surees“ überlebten nicht, weil sie gerettet wurden, sondern weil ihre Körper aus einem unbekannten Grund länger durchhielten als die der anderen. Bei der Räumung des „Medizinischen Lagers Nr. 23“ im Winter 1944 waren noch 17 Frauen am Leben. Sie wurden in andere Lager verlegt und kamen im Chaos des Kriegsendes ums Leben. Die „Surees“ wurden 1945 von den Alliierten befreit, starben jedoch kurz darauf – körperlich wie seelisch gebrochen. Nur wenigen gelang die Rückkehr in die Heimat. Doch sie sprachen nie über das Erlebte. Zumindest nicht öffentlich – denn wer hätte ihnen schon geglaubt?
Die sowjetische Nachkriegsgesellschaft wollte von diesen Gräueltaten nichts wissen. Sie sehnte sich nach Heilung, nach Vergessen, nach einem neuen Kapitel. Die Frauen, die diese Lager überlebt hatten, trugen eine unverdiente Scham in sich – eine Scham, die ihnen von einer Welt auferlegt worden war, die das Wegsehen vorzog. Zudem galten Überlebende deutscher Lager zu Stalins Zeiten oft als Verräterinnen. Nach der Überstellung an das NKWD verloren viele Frauen, die zur Arbeit für den Feind gezwungen worden waren, ihre Anstellung, landeten im Gulag oder lebten unter Aufsicht. Deshalb schwiegen sie. Sie vergruben ihren Besitz. Sie versuchten, in ein normales Leben zurückzukehren, doch die Narben verheilen nie.