„Zieht euch aus.“ Was die deutschen Soldaten ihnen danach antaten, ist widerlich…

Volker injizierte lebende Bakterien – Erreger von Wundstarrkrampf, Gasbrand und Sepsis – in kleine Schnitte an den Beinen oder Armen der Opfer. Anschließend beobachtete er den Verlauf der unbehandelten Infektion. Er notierte den Anstieg des Fiebers, die Verfärbung der Haut um die Wunde herum und den Zeitpunkt, an dem das Delirium einsetzte. Manche starben nach drei Tagen, andere nach einer Woche. Er verglich die Ergebnisse und erkannte Muster. Und wenn eine Patientin starb, vermerkte er schlicht: „Die nächste verstorbene Patientin Nummer 12.“ Zudem testete er experimentelle Antiseptika an offenen Wunden – ohne Betäubung. Die Frauen schrien und kämpften gegen die Riemen an, die sie auf den Metalltischen festhielten. Volker maß die Intensität des Schmerzes, indem er ihn beobachtete, seine Stärke bestimmte und den Schmerzrhythmus analysierte. Für ihn war Schmerz kein Leiden. Es waren physiologische Daten, die es zu erfassen und auszuwerten galt.

Doch am beunruhigendsten war vielleicht die ständige Anwesenheit des SS-Offiziers Klaus Rittner. Er berührte nie jemanden. Er erteilte niemals direkte Befehle. Er beobachtete lediglich und machte sich Notizen. Er trug ein kleines, schwarzes Notizbuch bei sich und schrieb mit einem Füllfederhalter – stets im Stehen, stets schweigend, stets mit derselben kühlen Miene, als wohnte er einem chirurgischen Eingriff bei und nicht einer Operation. Rittner verkörperte etwas Heimtückischeres als Völker selbst. Völker war ein Wissenschaftler, gewiss ein ruchloser. Rittner machte sich die Hände nicht schmutzig. Er war der offizielle Zeuge, der Hüter administrativer Rechtmäßigkeit. Und genau diese Bürokratie des Schreckens ermöglichte all das. Ohne Rittner wäre Völker lediglich ein wahnsinniger Arzt gewesen. Mit Rittner war er ein legitimierter Untersucher. Und eben diese systemische Billigung machte die Nazi-Maschinerie zu etwas Heimtückischerem als einen bloßen, individualistischen Verfahrensapparat.

Die deutschen Krankenschwestern, die unter Völkers Leitung arbeiteten, reagierten unterschiedlich. Manche weigerten sich, dem Bösen ins Auge zu blicken. Andere entwickelten eine mechanische Distanz und führten Befehle mit mechanischer Präzision aus, als wäre emotionale Loslösung der einzige Weg zu überleben. Greta Hoffmann machte eine ganz andere Erfahrung. Sie schrieb: „Ich weiß nicht mehr, wer ich bin. Ich bin eine andere geworden. Jemand, der die Hand einer Frau hält, deren Finger der Arzt gerade abtrennt. Jemand, der nicht weint.“

„Und noch mehr. Jemand, den ich im Spiegel nicht mehr wiedererkenne.“

Greti war gerade einmal 23 Jahre alt, als sie der medizinischen Abteilung von Lager 23 zugeteilt wurde. Vor dem Krieg hatte sie davon geträumt, Kinderkrankenschwester zu werden, in einem Hamburger Krankenhaus zu arbeiten und sich um Kinder zu kümmern. Doch der Krieg entschied anders. Nun verbrachte sie ihre Tage damit, Zeugin von Folterungen zu sein. In ihrem Tagebuch beschreibt sie ihre Versuche, mit den Gedanken zu fliehen. Sie rezitierte Gedichte von Goethe. Sie erinnerte sich an Lieder aus ihrer Kindheit. Sie stellte sich vor, woanders zu sein. Doch das gelang nur halb, denn ihre Hände waren nach wie vor dort; sie hielt weiterhin die Instrumente. Ihre Augen sahen alles mit an, und ihre Anwesenheit – selbst eine passive – machte sie zur Mitschuldigen.