„Zieht euch aus.“ Was die deutschen Soldaten ihnen danach antaten, ist widerlich…

„Worte, die mich gerettet haben“, murmelte sie. „Jede Strophe erinnert mich an diesen Ort, an die Kälte, an den Schmerz, an die Frauen, die neben mir starben.“ Elena sprach auch das Thema der Überlebendenschuld an. „Warum ich? Warum habe ich überlebt und sie nicht? Was hat mich ausgezeichnet?“

„Nichts. Es war einfach eine Chance. Ein reiner Zufall. Und ich trage diese Last jeden Tag. Jeden Tag sehe ich ihre Gesichter, höre ihre Stimmen und frage mich: Verdiene ich es zu leben, während sie sterben?“

Dank ihrer Aussagen konnte Morozow einen umfassenden Bericht erstellen. Er setzte seine Forschungen weitere zehn Jahre lang fort, führte Interviews mit ehemaligen deutschen Soldaten und wertete Militärarchive aus. Schließlich veröffentlichte er im Jahr 2001 das Buch mit dem Titel „Die schweigenden Frauen von Smolensk“. Das Buch löste in Russland und im Ausland Empörung aus.

Zum ersten Mal kam die Geschichte des medizinischen Lagers „Punkt 23“ ans Licht, und die Reaktion war erschütternd. Nicht etwa, weil die NS-Verbrechen unbekannt gewesen wären – das war bereits allgemein bekannt –, sondern weil genau diese Geschichte völlig ausgelöscht worden war. Diese Frauen waren anonym und spurlos verschwunden. Ohne die zufällig entdeckten Tagebücher wäre ihre Geschichte nie bekannt geworden. Das Buch wurde in mehrere Sprachen übersetzt, an Universitäten behandelt, und es entstanden Dokumentarfilme sowie Ausstellungen. Plötzlich begannen diese vergessenen Frauen, ihre Identität wiederzufinden. Angehörige meldeten sich bei Morozow; sie hatten erfahren, dass ihre Großmutter, Tante oder Mutter im Krieg verschollen war und nie wieder gesehen wurde. Schließlich gelang es, diesen Frauen ihre Namen zurückzugeben. Die Angehörigen konnten endlich um die geliebten Menschen trauern, deren Schicksal zuvor unbekannt geblieben war.

Eine Frage blieb jedoch unbeantwortet: Was geschah mit Föcker? Er war nach der Räumung des Lagers im Jahr 1944 verschwunden. Es fanden sich keinerlei Unterlagen zu einer Verhaftung, einem Prozess oder seinem Tod. Manche vermuteten, er sei – wie andere NS-Kriegsverbrecher – nach Südamerika geflohen. Andere glaubten, er habe eine neue Identität angenommen und bis zu seinem natürlichen Tod ein ruhiges Leben in Westdeutschland geführt. Die Wahrheit ist jedoch, dass es niemand weiß – und diese Straflosigkeit wiegt womöglich ebenso schwer wie die Verbrechen selbst. Morozow verbrachte Jahre damit, nach Spuren von Föcker zu suchen. Er durchforstete die Prozessakten von Nürnberg. Er durchsuchte die Archive des Mossad, der die Spur geflohener Nazis verfolgte. Er nahm Kontakt zu Ermittlern in Argentinien, Brasilien und Paraguay auf. Doch er fand nichts. Volker war verschwunden, als hätte er nie existiert. Und irgendwo, womöglich, erreichte er ein hohes Alter – in Frieden, ohne sich je seinen Taten stellen zu müssen, ohne den Preis dafür zu zahlen, ohne für sein Handeln zur Rechenschaft gezogen zu werden. Das war eine weitere Wunde, die niemals heilen würde. Doch die Geschichte endet hier nicht, denn Jahrzehnte später traf eine der Überlebenden eine Entscheidung, die alles veränderte: Sie beschloss zurückzukehren.