Frühjahr 2005. Sofia Lebedeva war 83 Jahre alt. Sie hatte 62 Jahre damit verbracht, zu versuchen, diesen Ort zu vergessen. Doch es gelang ihr nicht. Die Bilder verfolgten sie unablässig, Stimmen hallten in ihr nach, wenn sie allein war. Je mehr Zeit verging, desto stärker verspürte sie das Bedürfnis zurückzukehren. Nicht um Rache zu üben, nicht um sich ihren Dämonen zu stellen, sondern um einen Kreislauf zu schließen, der nie geendet hatte. Jahrelang hatte sie diesen Gedanken verworfen. Sie hatte sich eingeredet, es sei sinnlos, es würde nichts ändern, die Toten seien tot und das Aufreißen der Vergangenheit würde nur alte Wunden wieder öffnen. Doch etwas tief in ihr ließ nicht locker. Es war wie eine unbeglichene Schuld, ein gebrochenes Versprechen. Sie hatte überlebt. So viele andere nicht. Sie hatte das Gefühl, ihnen etwas zu schulden. Sie musste Zeugnis ablegen. Sie musste an den Ort der Tragödie zurückkehren und sagen: „Ich erinnere mich; du hast gelebt, du bist nicht vergessen.“
Sie bat Morozov, sie zu begleiten. Er willigte ein. Und so fuhren sie an einem kalten Aprilmorgen in die Region Smolensk, an den Ort, an dem einst eine alte Fabrik gestanden hatte. Der in den 1980er Jahren angelegte Parkplatz war noch immer da. Rissiger Asphalt, ein paar leere Stellplätze. Keine Gedenktafeln, kein Denkmal, keine Spur der Tragödie. Sofia stand regungslos inmitten des Parkplatzes, ratlos und suchend, und versuchte, einen vertrauten Orientierungspunkt zu erkennen.
„Hier war es, Ki“, sagte sie. „Ich bin mir sicher. Dort war ein Tor, ein Kellereingang. Ich erinnere mich an jeden Stein.“
Die Reise hierher war schwer für sie gewesen. Im Zug hatte sie geschwiegen, den Kopf aus dem Fenster gelehnt und die Knie fest mit den Armen umschlungen. Morosow hatte nicht versucht, sie anzusprechen. Er wusste, dass Sofia sich nicht in Worte fassen konnte. Als sie sich der nächsten Station näherten, zögerte sie, auszusteigen.
„Ich weiß nicht, ob ich das schaffe“, murmelte sie, doch sie stieg trotzdem aus, weil sie wusste, dass sie es musste.
Morosow hatte Fotos alter Gegenstände, Karten und Dokumente mitgebracht. Es war ihm gelungen, den Standort zu bestimmen.
Eine Betonplatte am Fabrikeingang. Sofia näherte sich langsam, auf ihren Stock gestützt. Als sie dort ankam, sank sie auf die Knie und begann zu weinen. Es war kein frischer Schmerz. Es war ein alter Schmerz, der sich über Jahrzehnte aufgestaut und verdichtet hatte. Und nun konnte sie ihn endlich herauslassen. Ihre Hände zitterten, ihr Körper sackte unter der Last zusammen. Sie berührte den Asphalt, als könnte sie durch die Schichten aus Beton und Zeit hindurch jenen Boden spüren, in dem so viele Frauen begraben lagen. Sie schloss die Augen und sah sie vor sich: Elżbieta, Małgorzata, Anna, Klara, Izabela, Jeanne. Verschwommene Gesichter, gedämpfte Stimmen, Geister, die sie nie verlassen hatten.