„Zieht euch aus.“ Was die deutschen Soldaten ihnen danach antaten, ist widerlich…

Im Zentrum dieser Hölle stand ein Mann in weißer Bluse. Dr. Ernst Völker, ein SS-Offizier, der 1936 sein Studium an der Universität Berlin abgeschlossen hatte. Auf Vorkriegsfotos wirkte er wie ein ganz normaler Mann. Durchschnittliche Größe, blond, mit runder Brille – nichts deutete auf das Monster hin, das hinter diesen Steinmauern lauerte. Doch Völker hatte sich in ein unmenschliches Wesen verwandelt. Er schrie nicht, zeigte keinerlei Gefühlsregung und arbeitete mit unerbittlicher Methodik, als wären die Frauen vor ihm keine Lebewesen, sondern bloß Versuchsobjekte. Völker dokumentierte alles in akribischen Aufzeichnungen. Jede „Injektion“, jede „Reaktion“, jeder Schrei wurde mit wissenschaftlicher Präzision festgehalten. Er beschrieb seine Experimente wie eine wissenschaftliche Abhandlung, in einer kalten, gleichgültigen Sprache, die den Schrecken nur noch unerträglicher machte. Eine seiner Aufzeichnungen, die Jahrzehnte später entdeckt wurde, lautete: „Person 47, weiblich, ca. 28 Jahre alt. Injektion von Lösung A in den rechten Oberschenkel. Uhrzeit: 14:37 Uhr. Beobachtbare Reaktion nach 4 Minuten. Krämpfe, Erinnerung, Krise. Person verlor um 14:52 Uhr das Bewusstsein. Tod um 15:01 Uhr festgestellt. Gewebeproben wurden zur Analyse entnommen.“

Person 47. Nicht einmal ihr Name war vermerkt. Sie war nur eine Nummer in Völkers Notizbuch, doch sie hatte einen Namen. Ihr Name war Anna Petrowna Sokolowa. Sie war 26 Jahre alt. Sie war Lehrerin und stammte aus dem Dorf Pod Wjasma. Sie hinterließ einen achtjährigen Sohn, den sie nie wieder sah. Neben Völker stand ein anderer Mann: Klaus Rittner, ein SS-Offizier mit tadelloser Haltung und eisblauen Augen. Wenn Völker der Wissenschaftler dieser Hölle war, dann war Rittner ihr Verwalter. Er registrierte jede Frau, die ins Lager kam, gab ihr eine Nummer und notierte ihr Alter und ihren Zustand.

Er leitete die Abteilung für Physikalische Medizin. Er organisierte das Versuchsprogramm, bestellte medizinisches Material und koordinierte den Leichentransport. All dies erledigte er mit makelloser Effizienz. Für Rittner war die Sanitätsstation Nr. 23 im Lager lediglich eine weitere Verwaltungsaufgabe. Er ging seinen Pflichten mit derselben Akribie nach, mit der andere Offiziere Lebensmittellieferungen oder Panzerreparaturen organisierten. Seine nach dem Krieg entdeckten Akten enthielten übersichtliche Tabellen, Spalten mit Namen (oftmals durch Nummern ersetzt), Ankunfts- und Sterbedaten. Alles war organisiert, alles dokumentiert. Eine Bürokratie des Todes, ausgeführt mit deutscher Präzision.

Eine der Überlebenden, Maria Iwanowna Lebedewa, erinnerte sich während Rittners Prozess 1975 an ihn: „Er hat nie die Stimme erhoben.“ Er war höflich, ja sogar zuvorkommend, wenn er mit uns sprach. Aber sein Geist … sein Geist war leer. Er behandelte uns wie Möbel, nicht wie Menschen, wie Objekte, die katalogisiert werden mussten.